Schauen Sie sich ausgewählte Reportagen und Dokumentationen der AKUSTIK GITARRE als Video an! Auf dieser Seite finden Sie zu jeder Ausgabe der AKUSTIK GITARRE Videos zu ausgesuchten Fachartikeln. Das aktuelle Heft können Sie auf dieser Website im Shop oder unter Telefon 0541-710020 bestellen. Wir wünschen viel Spaß mit unseren Online-Videos.
Folgende Videos stehen aktuell online:
- AG 6-2011 – Performance-Video zum Tour-Tagebuch Attila Vural
- AG 5-2011 – Reportage: Zu Besuch bei Martin
- AG 5-2011 – Tour-Tagebuch Biber Herrmann
- AG 5-2011 – Video-Doku: Fachgespräch Richard Hoover
- AG 2-2011 – Tour-Tagebuch Markus Rill
- AG 2-2011 – Fachgespräch Susan Weinert
- AG 6-2010 – Tour-Tagebuch Christina Lux
Von Andreas Boer (Text und Fotos)
Seit 19 Jahren sind Werner Kozlik und Stefan Zirnbauer mit ihren Stevens Custom Guitars und dem angeschlossenen Munich Repair Shop eine feste Größe in der deutschen Akustik-Szene. Wir haben mit den beiden über den schwierigen Weg vom Gitarrenbauer zur professionellen Manufaktur, den Segen des Vakuums und das Nachlassen des Interesses an der Dreadnought gesprochen.
Samstagmittag im Munich Repair Shop. Es gibt bessere Momente, um mit Werner Kozlik und Stefan Zirnbauer, den Gründern und Geschäftsführern, in Ruhe ins Gespräch zu kommen. Denn der Laden in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs brummt. Im vorderen Teil, der Reparaturannahme, legt ein Besucher nach dem anderen seinen Gitarrenkoffer auf die Theke und beschreibt, welche Wehwehchen seinen Schatz plagen. Stefan, zuständig für den Reparaturbereich, ist die Ruhe in Person und nimmt jedes Wort ernst; wenig später wird klar warum: Da öffnet ein siegessicher lächelnder Kunde ein Gibson-Case, und plötzlich verstummen alle Gespräche und die Augenschlitze werden größer: Wow, eine uralte Country & Western! Hier geht es also richtig um Werte.
Über Hawaii aufs Sofa
Abgetrennt vom sogenannten „Thekenbetrieb“ findet sich weiter hinten im Raum die Guitar Lounge. Man könnte aber meinen, hier sei ein Reisebüro mit Schwerpunkt Hawaii, denn wohin man den Blick auch schweifen lässt: überall Ukulelen, in allen Preisklassen, vom schlichtesten Nato bis zum edelsten Koa. Kein Wunder: ‚Over The Rainbow‘ von Schwergewicht Israel Kamakawiwo' ole steht seit Wochen auf Platz eins der Charts und verleiht dem Ukulelen-Verkauf Flügel. Hat man Hawaii hinter sich gelassen, kann man auf einem gemütlichen Ledersofa Platz nehmen, einen Espresso genießen und die Gitarren an den mit dunkelblauem Samt bespannten Wänden bestaunen. „Wir haben schon lange nach dem passenden Rahmen gesucht, um unsere Gitarren zu präsentieren“, erzählt Werner, der sich bei Stevens vor allem um den Neubau kümmert. „So eine Gitarre kauft man ja nicht einfach mal so, und wir wollten das richtige Ambiente schaffen, um unsere Kunden willkommen zu heißen und ihnen einen entspannten Ort zum Ausprobieren zu bieten.“ Und auszuprobieren gibt es eine ganze Menge: An den Wänden der Guitar Lounge hängt jeweils ein Modell aller derzeit im Programm befindlichen Stevens-Gitarren – in friedlicher Eintracht mit Instrumenten anderer Hersteller, vor allem von Baton Rouge, Cole Clark, Stagg, Neligan und Ayers. Sie alle werden auch im Internet unter www.guitars.de präsentiert. Die Stevens-Homepage wird übrigens täglich aktualisiert, so dass Kunden wissen, welche Gitarren tatsächlich die Samtwand verschönern.
Soulwood wird gern geklickt
Ihr seid vielen Gitarrenbauern in der Vermarktung eurer Instrumente weit voraus. Ist das der Grund, weshalb man euch in der Szene so gut wahrnimmt?
Werner Kozlik: Ich glaube, das kann man so sagen. Die Vermarktung läuft, abgesehen von der Guitar Lounge, vor allem über das Internet. Hier haben wir uns professionelle Hilfe geholt und zusammen mit einer Agentur ein Konzept erstellt. Auf dieser Basis haben wir einen Rahmen programmieren lassen, den wir aus der täglichen Arbeit heraus selbst mit unseren Inhalten füllen, mit Beschreibungen und hochwertigen Bildern. Die Bilder machen wir nicht selbst, da hilft uns ein Profi-Fotograf, der rein zufällig auch Gitarrist und einer unserer Kunden ist (lacht).
Eure Web-Adresse lautet www.guitars.de, das deutet darauf hin, das ihr euch den Namen sehr früh gesichert habt, oder?
Stefan Zirnbauer: Stimmt! Das war 1994 oder 1995 – und eigentlich eher ein glücklicher Zufall, denn gleich um die Ecke bei unserer früheren Werkstatt war so ein Internet-Start-Up. Da haben wir uns gedacht, schauen wir mal vorbei und fragen, was man alles in „diesem Internet“ (lacht) machen kann. Wir haben uns dann gleich vor Ort die Adresse www.guitars.de sichern lassen – und bis heute behalten.
Was braucht es noch, um potentielle Kunden zu begeistern?
Werner Kozlik: Es gibt die Theorie, dass ein potentieller Kunde 30 verschiedene Anstöße braucht, bis er eventuell ein echter Kunde wird, und ich denke, da steckt eine Menge Wahrheit drin. Eine One-Way-Webpage allein reicht nicht; weder um auf diese 30 Anstöße zu kommen, noch um ein handwerkliches Objekt wie eine Gitarre gebührend darzustellen. Deshalb werden wir den Community-Bereich auf unserer Page in Zukunft stärker ausbauen und unsere Kunden einladen, sich und ihre Stevens-Gitarre in Bild und Video zu zeigen. Außerdem wollen wir auf anderen Internet-Seiten verstärkt Banner-Werbung schalten. Die analogen Maßnahmen darf man natürlich nicht vernachlässigen, so bringen wir für unsere Kunden beispielsweise jedes Jahr einen Stevens-Kalender heraus oder bemühen uns um Testberichte über unsere Instrumente in der Presse. In nächster Zeit werden wir in der Guitar Lounge auch Konzerte veranstalten, um da noch mehr Leben reinzubringen.
Edel-Gitarren aus dem Gewerbehof
Szenenwechsel: Wir dringen vor ins Allerheiligste von Stevens Custom Guitars – die Werkstatt, wo die edlen Gitarren gefertigt werden. Dafür müssen wir etwa zehn Minuten mit dem Auto in Richtung Süden fahren, vom Repair Shop nach Giesing, einem Arbeiterviertel auf der rechten Isarseite, in das sich Starbucks & Co. noch nicht verirrt haben. Die Münchner Stadtverordnung schreibt vor, dass unternehmerische Lackierarbeiten nicht innerhalb des Inneren Stadtrings ausgeführt werden dürfen, deshalb blieb für die Stevens-Macher nur die Flucht nach draußen. Das hat allerdings den Vorteil, dass die Miete bezahlbarer ist als im Zentrum.
Wir betreten den Gewerbehof Giesing in der Ständlerstraße. In einem unscheinbaren, aber weitläufigen Gebäude sind im vierten Stock die Stevens-Gitarren zu Hause. In einer großen Werkstatt mit traumhaftem Blick auf die Alpen und die Zugspitze werden die edlen Stücke gefertigt, in einem zweiten Raum, etwa 20 Meter entfernt, werden die Instrumente lackiert. Stevens ist damit einer der wenigen Hersteller in Deutschland, der mit einer eigenen Lackieranlage arbeitet. Die Lackierkabine verfügt über ein extrem leistungsfähiges Abzugsystem. „Wenn ich das auf volle Kraft stelle, reißt es die Wände raus“, erzählt Werner lachend. „Schon bei 10 Prozent geht die Tür nicht mehr zu.“ Ein kurzer Versuch zeigt – die Tür bleibt wie von Geisterhand gehalten offen, egal, wie man sich auch dagegen lehnt. Im zweiten Raum befindet sich auch das üppig bestückte Holzlager. „Das kann man sich kaum vorstellen, aber hier lagern Werte von 60.000 Euro“, schwärmt Werner. Haselfichte, Adirondack, Padouk, Mango, Silbereiche, Bubinga, Koa, Ziricote, Cocobolo – alles da!
Herzstück der Werkstatt ist eine Computerfräse, mit der alle Zuschneidarbeiten von Decken über Leisten und Reifchen bis hin zu filigransten Einlagen ausgeführt werden können. „Als ich Maschinenbau studiert habe, konnten wir von so etwas nur träumen, wir hatten damals höchstens Lochstreifen“, grinst Werner. „Wir sind in einer ganz angenehmen Situation zwischen dem typischen kleinen Gitarrenbauer und Lakewood, wobei wir in rein technischer Hinsicht eher in Richtung Lakewood tendieren. Ich versuche, die Werkstatt immer auf dem technisch aktuellsten Stand zu halten, deshalb gibt es bei uns auch ein Vakuum-Fixiersystem, um beispielsweise Leisten besser auf die Decke zu montieren.“
Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 2-2011 der AKUSTIK GITARRE.
Von Peter Finger
Ein regnerischer Tag im Spätsommer. Ich stehe vor einem unscheinbaren Hinterhaus in dem kleinen dänischen Ort Tølløse und klingele an der Werkstatt des Gitarrenbauers Ole Kehlet.
Nur wenige Sekunden später geht die Sonne auf, und ein Mann mit leuchtenden Augen und strahlendem Gesicht öffnet die Tür. „Peter, it is sooo good that you are here“, heißt es zur Begrüßung. Ich spüre, dass der Mann es ernst meint. Und schon betreten wir sein Heiligtum, laufen durch seine Werkstatt in einen winzig kleinen Ausstellungsraum, in dem alle Modelle seiner Baureihe nebeneinander aufgereiht stehen. Noch bevor die erste Tasse Kaffee eingeschenkt ist, sind wir mitten im tiefsten Gitarrenbauer-Gespräch, unterhalten uns über Bauformen, Hölzer, Lacke, Leim. Die Außenwelt scheint vergessen und Ole erzählt, wie ihm die besten Ideen für neue Konstruktionen nachts kurz vor dem Einschlafen kämen. Und wie es ihn fast körperlich krank macht, wenn eines seiner Instrumente mal nicht perfekt ist. Kleine Fehler zu kaschieren kommt für ihn nicht in Frage. Und dann spricht er über die Befriedigung, wenn ein Instrument perfekt gelungen ist: „Peter, that is sooo good.“
Geschichte
Ole Kehlet wurde 1952 in Kopenhagen geboren. Der Vater arbeitete in der Gastronomie zu Land oder auf Schiffen und war viel unterwegs, während die Mutter sich um drei Kinder kümmerte. Mit 15 begann Ole eine Ausbildung als Bootsbauer und lernte, Boote aus Eichenholz zu bauen. Eine harte Arbeit, besonders in den Wintermonaten. So hart, dass er die Ausbildung abbrach und eine Zimmermannslehre begann. Schon zu dieser Zeit hatte er eine intensive Beziehung zum Baumaterial Holz und schwärmt noch heute: „It is so good to work with wood.“ Während seiner Ausbildung kam das Interesse an Konstruktion hinzu. Oft wurden Häuser renoviert, abgerissen, neu aufgebaut, und Ole war immer mit großem Interesse dabei. Die Liebe zum Holz und zur Musik – Ole begann mit 13 Gitarre zu spielen – in Verbindung mit seinem Faible für Konstruktion und Statik verband sich zu einem Weg, der nur in eine Richtung führen konnte.
Es begann damit, dass er seine eigenen Gitarren reparierte. Zufällig lernte er über die Musik einen Spezialisten für Gitarrenreparaturen kennen. Und wieder brach er eine Lehre ab. Nun wollte er nicht mehr Zimmermann sein, sondern Gitarren reparieren. Drei Jahre arbeitete er in der Reparaturwerkstatt, wo er alle Tricks lernte, ohne allerdings einen Abschluss zu machen. Schließlich gründete er 1978 seine eigene Firma. Schon ein paar Jahre später wurde er zum Service Center für die Firma Levin aus Schweden und schließlich für 13 Jahre autorisierter Service-Stützpunkt für Martin-Gitarren, worauf er zu dieser Zeit sehr stolz war. Mit großem Respekt redet er noch heute über die Traditionsfirma und die alten Martins. Aber auch andere Gitarren fanden seine Bewunderung und prägten seine Kenntnisse.
Zunächst verdiente Ole den größten Teil seines Lebensunterhalts mit Gitarrenreparaturen, baute aber außerdem selbst ein paar klassische Instrumente. Ihm war jedoch von Anfang an klar, dass er einen eigenen Stil entwickeln musste, wenn er als Gitarrenbauer seinen Weg machen wollte. Er entwickelte bald eigene Bauformen, die man auch heute noch auf den ersten Blick als Kehlets erkennen kann.
Was Ole Kehlet immer stärker in den Bann zieht, ist die handwerkliche Perfektion. Nichts überlässt er dem Zufall, Unsauberkeiten duldet er nicht. Seine spezielle Art der Einlegearbeiten erfordert besondere Sorgfalt. Er legt Perlmutteinlagen nicht als Randeinlagen an, sondern fräst den Einlagekanal direkt in die Decke, wobei zwischen Randeinlage und Perlmutt ein hauchdünner Rest des Deckenholzes stehen bleibt. Ole erzählt, wie nur eine kleine Ungenauigkeit beim Fräsen eine 10.000-Euro-Gitarre zerstören kann – und in dem Gedanken daran, verfinstert sich sein Gesicht zunehmend. Aber, und plötzlich strahlt er wieder: das passiere äußerst selten.
Modelle
Kehlets Klassiker ist das breitschultrige Concert-Modell, das es in den Ausführungen Basic, Standard und Deluxe gibt. Diese unterscheiden sich in Hölzern, Einlagearbeiten, Kopfformen und natürlich in den Preisen. Die verschiedenen Folk-Modelle gibt es in den Ausführungen Vintage, Deluxe sowie Grand Folk als etwas größere Variante. Außerdem als ein auffallendes, eigenwilliges Modell: Kehlet Folk Modern mit Cutaway. Die Great 6 verbindet die Vorzüge von Folk- und Concert-Modell, ist die größte Gitarre im Stall und auch in 12-saitiger Ausführung erhältlich (dann als Great 12). Die Kehlet Classic ist eine eher unscheinbar wirkende Konzertgitarre, aber mit großen Klangeigenschaften. Die Kehlet Millenium 2000 schließlich ist das wohl ausgefallenste Modell, eine futuristisch anmutende Steelstring Gitarre, wie aus einem Picasso-Gemälde stammend. Ein echter Hingucker.
Dem Folk-Modell sieht man die Verwandtschaft zur klassischen Gitarre an. Die ganze Tradition des Gitarrenbaus liegt bei der Konzertgitarre, und Ole bildet mit diesem Modell eine Brücke zwischen Nylon- und Steelstring-Gitarre. Das Folk-Modell ist eine Gitarre, die klanglich zwischen Dreadnought und Konzertgitarre liegt. Der Pyramidensteg erinnert ein wenig an alte Martins, die rundschultrige Korpusform am Halsansatz wiederum ähnelt den amerikanischen Gurian-Gitarren. Und tatsächlich – Ole Kehlet und Michael Gurian haben sich in der Anfangszeit intensiv ausgetauscht. Ole ist fest davon überzeugt, dass die runde Schulter den Klang positiv beeinflusst. Mit dem Kehlet‘schen Folk-Modell ist eine wunderbare Synthese aus Klassik- und Steelstring-Gitarre gelungen.
Ole & Finn
Einige Jahre nach Firmengründung traf Ole Kehlet den Gitarristen Finn Olafsson, der von Oles Instrumenten begeistert war und eine Gitarre bestellte. Diese sollte allerdings etwas größer sein als das kleine Folk-Modell. So verlängerte Ole die Form am hinteren Korpusende und erhielt ein größeres Volumen mit mehr Bass. Das führte zum nächsten Kehlet-Modell, der Grand Folk.
Inzwischen sitzt auch Finn Olafsson, der zufällig in der Nähe war, bei uns zu einer Tasse Kaffee und erzählt von seinem Signature-Modell (FOS = Finn Olafsson Signature): „Peter, it is so good.“ Ich nehme das Modell in die Hand, an dem nicht die kleinste Unsauberkeit zu entdecken ist. Dann spiele ich darauf und muss dem Mann uneingeschränkt recht geben. Zugegeben, in einer gewissen Preisklasse kann man Perfektion, guten Klang und leichte Spielbarkeit voraussetzen. Alles wäre also relativ normal, wäre da nicht dieses Leuchten in den Augen, dieser Enthusiasmus, der weit über einen befriedigenden Job hinausgeht und Kehlet und seine Firma irgendwie zu einem leidenschaftlichen Gesamtkunstwerk macht.
Die Great 6 ist noch eine wenig größer und tiefer als das Grand Folk Modell und erinnert klanglich an die Dreadnought-Form. Ole entwickelte dieses Modell, weil viele seiner Kunden Dreadnoughts spielten. Eine perfekte Gitarre also für Strumming, die unter der Bezeichnung Great 12 auch in einer 12-saitigen Version lieferbar ist.
Werkstatt
Ole Kehlet arbeitet allein. Für eine Weile versuchte er, einen zweiten Gitarrenbauer hinzu zu holen. Das klappte aber nur für kurze Zeit. Oles Qualitätsanspruch war so hoch, dass der Kollege ziemlich schnell das Handtuch warf. Dann frage ich Ole, ob denn alles an seinen Gitarren Handarbeit sei, oder ob er auch eine CNC-Fräse einsetze. Vielleicht hätte ich eine solche Frage nicht stellen sollen, denn auf einmal wird sein Gesicht lang und finster, und es kommt nur ein enttäuschtes, aber entschiedenes „No!“ aus seinem Mund. Ich versuche, die Situation zu retten und sage, dass eine solche Perfektion doch eigentlich nur von einer CNC-Maschine kommen kann. Und sofort ist es wieder da, dieses Strahlen, und er erzählt, wie lange er an den Einlegearbeiten sitzt. Uff, der Mann ist intensiv. Aber dann finden wir doch noch etwas an seinen Gitarren, das er nicht selbst macht: Bunddraht, Perlmutt und die Mechaniken. Es sei ihm verziehen.
Ole Kehlet baut acht bis zehn Gitarren pro Jahr. Das ist nicht gerade viel für jemanden, der vom Gitarrenbau lebt. Auf meine Frage, warum er nicht mehr macht, kommt die klare Antwort, dass auf diesem Level mehr nicht möglich sei. Würde er die Stückzahl erhöhen, würde die Qualität leiden. Das führt mich zur nächsten Frage: wie lange er denn an einem Instrument baue. Die Antwort lässt mich ziemlich staunen: 250 Stunden. Üblicherweise setzt man als Instrumentenbauer höchstens die Hälfte der Zeit an. Blitzschnell rechnet es in meinem Kopf: 10 Gitarren mal 250 Stunden sind 2500 Stunden im Jahr; das ergibt wöchentlich rund 48 Arbeitsstunden. Und dann passt alles wieder zusammen.
Nebenbei hat Kehlet noch ein Gitarrengeschäft in Kopenhagen, in dem ausgesuchte Gitarren angeboten werden. Und es tue ihm gut, ab und zu aus seiner Werkstatt heraus zu kommen, draußen die Realität zu sehen und Kundenkontakt zu haben.
Geheimnisse
Ich frage Ole nach den Hölzern, die er verwendet: Indisches Palisander – und er betont „das beste indische Palisander; es gibt auch viel schlechtes.“ Er sucht sorgfältig aus und nimmt nur Spitzenqualität. Deutsche Fichte – und er schwärmt von ihrer Qualität. Kanadisches Zedernholz („Peter, it is sooo beautiful …”), afrikanisches Ebenholz, Redwood, Schweizer Fichte, Riopalisander, Ziricote, Madagaskarhölzer, Padouk, Ahorn. Und schon stehen wir in seinem kleinen Holzlager, und er zeigt mir einige der wundervollsten Sätze.
Dann das nächste Thema, der Lack. Er erzählt, wie er manchmal den Lack leicht tönt, so dass die Gitarre eine warme Honigfarbe bekommt. Dann schwärmt er von seiner italienischen Sprühpistole und zeigt mir seine neueste Errungenschaft, eine neue, belüftete und klimatisierte Trockenkammer für die frisch lackierten Instrumente.
Natürlich möchte ich wissen, ob er irgendwelche „Geheimnisse“ hat oder ob er irgendetwas grundsätzlich anders macht als andere Gitarrenbauer. Die Antwort ist eher ernüchternd: „Benutze nur das beste Holz, nimm dir Zeit beim Bauen, stimme die Gitarre perfekt.“ Ich muss lange nachfragen, bis ich endlich doch noch auf eine Besonderheit stoße, die mir die Kinnlade nach unten sacken lässt: die Halskonstruktion. Und was er da erzählt, habe ich noch nie zuvor gehört. Und so beschließen wir, dass ich über diese kleine Besonderheit nichts weiter verrate.
Und die Preislage: Ole Kehlets Gitarren beginnen bei 3.500 Euro für das Grundmodell. Natürlich gibt es zahlreiche zusätzliche Optionen, so dass eine Gitarre auch 15.000 Euro kosten kann. Seine Instrumente verkauft Ole hauptsächlich in Dänemark. Jede Gitarre ist ein individuelles Einzelstück. Ole zeigt mir ein paar seiner halbfertigen Instrumente. Ein Korpus aus wunderbarem Riopalisander sticht besonders hervor, eine der teureren Gitarren, und Ole schwärmt: „Peter, it will be sooo good“.
Zum Abschluss des Interviews frage ich Ole, ob er irgendwelche neuen konstruktiven Ideen sieht, die das Instrument Gitarre weiterentwickeln könnten. Und da berichtet er wieder von seinen kleinen Ideen, die er nachts kurz vor dem Einschlafen hat. Ich frage ihn, was, wenn er auch nachts an Gitarren dächte, seine Frau dazu sagen würde ...
Das war dann auch das Stichwort, denn seine Frau hat ein opulentes Essen vorbereitet. Am Tisch redet Ole noch zwei weitere Stunden über Gitarrenbau. Ich bin sicher, dass ich noch für Jahre davon inspiriert sein könnte. Doch irgendwann ist meine Aufnahmebereitschaft erschöpft, und ich konzentriere mich auf das Essen. Und auch das ist „sooo good“.
Online-Info: www.kehletguitars.com
Exklusiv für die AKUSTIK GITARRE führte die Singer/Songwriterin Christina Lux während ihrer Tour 2010 ein Tagebuch.
She-Lux auf Tour
Es beginnt alles schon, bevor ich überhaupt mein Tour-Mobil belade und auf den Straßen Deutschlands meine Meilen dahin ziehe. Ich habe mich auf den Weg gemacht, auf eigenen Füßen zu stehen. Das heißt, den Telefonhörer in die Hand nehmen und mit teilweise großer Überzeugungskunst die Veranstalter dazu zu bekommen, mal rein zu lauschen in das, was man so macht. Ich empfinde es als Glück, dass es mich nun schon seit 25 Jahren im Biz gibt. Seit 1990, mit ganz viel Lux-Musik. So funktioniert inzwischen auch „light-booking“: ich brauche nur sagen, dass ich mal wieder in der Gegend bin, und man findet unproblematisch einen Konzerttermin.
Ich reise überwiegend als Solokünstlerin, da brauche ich ein wenig „Familie“ und Landeplätze. Es gibt inzwischen viele Orte, auf die ich mich sehr freue, wo sich sogar Freundschaften entwickelt haben und man nach einem Konzert gern noch zusammensitzt und klönt. Die letzten Jahre waren ausgefüllt mit Buchen, Promoten und Budget zusammen zu kratzen, um neue CDs zu produzieren. Inzwischen gibt es sechs Alben von mir, gerade erschienen ist eine DVD eines Konzertmitschnitts aus der LOLA Hamburg mit Regy Clasen als Duettpartnerin bei dem Song ‚Spät‘.
Viele meiner Konzerte sind klein und fein. Ich gehe oft in die Provinz, wo sich immer wieder tolle Orte finden lassen mit engagierten Vereinen, ohne die es eine solche Kleinkultur längst nicht mehr gäbe. In den großen Städten passiert oft so viel, dass es nicht leicht ist, dort ein Publikum zu erreichen. Ich picke mal ein paar Konzerte heraus, die ich in den letzten Monaten gespielt habe.
Mit Regy Clasen und Anna Depenbusch
Da war am 1. März 2010 ein schönes Konzert im Schmidt’s Tivoli in Hamburg, zusammen mit den wunderbaren Hamburger Kolleginnen Regy Clasen und Anna Depenbusch. Schmidt’s ist natürlich kein kleiner Vereinsclub, sondern eine hochprofessionelle und ausnehmend schöne Lokalität mitten auf der Reeperbahn.
Edel, tolles Licht, Plüsch und eine feine Atmosphäre. Unser Konzert hatten wir so geplant, dass alle drei ständig auf der Bühne anwesend sein sollten. Regy und Anna sind Pianistinnen und saßen am Flügel, während wir anderen auf einem Sofa rechts auf der Bühne saßen und hie und da ein Chörlein anstimmten. Das war sehr schön, zumal wir uns auch zwischen den Titeln herrlich gegenseitig ansprechen und necken konnten. Am Ende des Konzertes haben wir noch einige Stücke gemeinsam gespielt, und Regy hat James Taylors ‚Secret Of Life‘ auf der Gitarre begleitet. 430 Menschen sahen richtig beseelt aus und haben uns gefeiert.
Beschallung de luxe
Zur Technik: Ich reise immer mit einem AER Acousticube III. Aus dem Record-Out geht es mit einem Y-Kabel in eine DI-Box mit zwei Eingängen; so bekommt der Tontechniker je ein Gesangs- und ein Gitarrensignal. Vorteil: man hat immer seinen gewohnten Monitor-Sound, was enorm gut tut, auch auf größeren Bühnen. Ein paar Tage später wieder das kleine Lux-Programm. Das heißt: ins Auto kommt die komplette AER P.A., bestehend aus je zwei Bassboxen (AS Sub) und Hochtönern (CX8). Die Anlage ist aktiv und schnell aufgebaut – plug and play.
Die Tour
Am 12. März 2010 folgt ein feines Konzert auf einem Weingut in Dexheim/ Rheinhessen. Erstaunlicherweise ein recht trockener guter Sound, trotz Gewölbekeller. Es finden sich um die 100 Menschen ein, die aufmerksam lauschen. So lieb ich das. Es entstehen immer wieder kleine Dialoge. Vor kurzem habe ich mir zwei LED Floorlamps geleistet – so kann ich wenn nötig vor Ort das Licht ein wenig mit Tiefe versehen. Außerdem habe ich immer hautfarbene Filterfolien bei mir, falls ich mal mit knallweißem Licht bestrahlt werden sollte. Frau Lux trägt auch stets ihren kleinen roten Teppich und ein marokkanisches Lämplein mit sich herum, um auf jede Bühne ein wenig Wohnzimmer zu zaubern.
Am nächsten Tag geht es nach Lippstadt. Kasino Kultur. Hier das volle Programm mit der Technik. Auch meine zwei kleinen Lichtstative hab ich am Start. So bekommt der Veranstalter ein Komplettpaket, alles sieht professionell aus und klingt gut. Wieder über 100 Leute. Die spätere Kritik zum Konzert ist allerdings blöd. Auch ein spannendes Thema: wie Kritiker einen einordnen und verstehen. Man könnte die Beiträge einfach gar nicht erst lesen. Aber ehrlich gesagt habe ich in letzter Zeit mit stolzem Grinsen so wunderbare Kommentare gelesen, dass ich es weiter tun werde. Manchmal erwischt es einen an einem wunden Punkt, aber das kann auch Vorteile für die eigene Entwicklung haben. Auf meiner Webseite kann man übrigens in Konzertkritiken schmökern.
Women, Strings & Voices
Susan und Martin Weinert, Vicki Genfan und ich tun uns zusammen und spielen 2009 eine kleine, gut besuchte Tour. Es kann manchmal hilfreich sein, sich zusammenzuschließen, um mehr Menschen zu bewegen, weil es dadurch einen Event-Charakter bekommt. Auch in 2010 haben wir Konzerte geplant. Am 20. März in der Tuchfabrik Trier, am 19. März in Einbeck. Leider erkrankt Susan kurz vor den Terminen, und Vicki und ich spielen je ein Doppelkonzert. Vicki beeindruckt mich wieder durch ihre wunderbare Spieltechnik. Übrigens gibt es von ihr eine Lehr-DVD, die man über ihre Webseite erstehen kann, auf der sie ausführlich ihre Technik erläutert. Es ist toll, mal mit einer Frau zu spielen, schlicht weil es doch so virtuose Gitarristinnen wie Susan und Vicki eher selten gibt.
Einbeck ist gut besucht, das Konzert intensiv. Hier zeigt sich auch wieder die freundschaftliche Ebene. Umfassende Versorgung, gutes Catering, wunderbares selbstgekochtes Essen nach dem Konzert und feine Gespräche machen die Sache rund. Ich falle zufrieden und satt in mein Hotelbettchen.
Die Band
Und nun noch ein Band-Konzert. So lange gab es keines mehr, aus vielerlei Gründen. Ein Solokonzert ist schnell gebucht, die Technik nie ein Problem, die Gage so anständig, dass ich mich ganz gut ernähren kann. Ich habe außer Lux keine Projekte, da gilt es effektiv zu sein. Auch bei so bürokratischen Themen wie GEMA-Anmledungen oder GVL.
Mit der Band muss ich den Termin finden, proben und zumindest eine gute Basis als Garantie-Gage haben sowie amtliche Technik vor Ort. Ein Band-Konzert findet am 20. Mai 2010 in Oberhausen im Ebertbad statt, mit meinem langjährigen Bassmann Marius Goldhammer und Stephan Emig an den Drums. Zwei Proben. Eine große Umstellung für mich und gleichzeitig eine große Inspiration. Mein oft Bass- und Rhythmus-betontes Gitarrenspiel muss ich abwandeln, sonst wird alles zu dicht. Aber die klaren Grooves bringen auch wieder spannende Elemente zum Vorschein, bei Gesang und Gitarrenbegleitung. Und da sich solistisch meine Songs oft wie Mikroorganismen weiterentwickeln und die Energie des Abends verarbeiten, wird es jetzt wieder klarer – weniger Improvisation, mehr Song.
Die Kollegen machen es grandios und begleiten mich dezent und Song-orientiert. Das ist wichtig. Denn es gibt nichts Härteres, als bei den mitunter doch bewegenden Themen zu spüren, dass ein Mitmusiker um einen ganz anderen Planeten kreist. Es ist eine spezielle und wunderbare Form der Gemeinsamkeit, wenn alle bewusst in die Themen einsteigen. Dementsprechend intensiv wird das Spiel und die Stimmung, die bei den Zuhörern ankommt. Ich halte immer Plätze offen für Improvisation. So spielen wir ein langes Intro vor einem Song, in dem es nur um Atmosphäre ging, die um das Thema Sehnsucht kreiste. Ein Gänsehautmoment der besonderen Art.
Mich hat das Buch von Kenny Werner ‚Effortless Mastery‘ bewegt. Hier geht es darum, einen inneren Link zu bauen, zu einem Platz im Innern, an dem der ewige Kritiker – jener Teil von dir, der immer perfekt und gut sein will und stresst ohne Ende – mal nach hinten geschoben wird. Ein Ort, an den du durch kleine Meditationen gelangst, wo du dich so genießt, wie du jetzt bist und spielst.
Ich mag die Stelle sehr, an der es heißt: „Stell dir vor du gehst auf die Bühne der Carnegie Hall, das Licht blendet, du siehst niemanden der vielen Zuhörer. Und alles, was du tun musst, ist atmen und dann gemütlich im Zuschauerraum auf einem Stuhl Platz nehmen und einfach jeden Ton zu genießen, den du spielst. Auch die Schrägen und Eigenartigen. Das ist wahrscheinlich die hohe Kunst des Ankommens, die bei jedem Konzert wieder neu durchlaufen wird.“ Ich komme mit jedem Konzert ein kleines Stückchen näher dran.
Online-Info: www.christinalux.de
Online-Video:
Auf unserer Website wird dieser Artikel begleitet von zwei Videos: einmal ist das offizielle Video des Songs ‚Coming Home At Last‘ zu sehen, außerdem hat Christina Lux für die Leser der AKUSTIK GITARRE exklusiv einen Song ihrer neuen Live-DVD freigegeben.
Lux-Equipment:
Gitarren: Lakewood D40, Gibson ES335, Rosner M3 Nylonstring
Amps/PA: AER AcoustiCube III, AER PA bestehend aus zwei CX 8 und zwei AS 360
Effekte: Dunlop Univibe (nur für ES335), Morley A/B-Box, Korg Pitchblack Tuner
Zubehör: G7th-Kapo, Elixir-Strings, orientalische Hennalampe aus Marokko, Teppich von Ikea
Von Andreas Schulz
Unter dem Dach des Hauses Godin werden mehrere Akustikgitarren-Marken gefertigt. Godin selbst ist bekannt für seine innovativen E-Acoustics mit Synth-Pickup, die von vielen Profis gespielt werden.
Doch Firmen-Patriarch Robert Godin ruht sich nicht auf den bisherigen Erfolgen aus, er entwickelt beständig weiter. So gibt es neue Modelle bei den Multiacs, Verbesserungen bei den Simon & Patrick Acoustics, Neues von Seagull. Kürzlich hat man außerdem eine verblüffend preisgünstige Archtop vorgestellt (Test in AG 1-2010). Höchste Zeit für ein Fachgespräch mit dem kanadischen Gitarrenbauer, der Wert darauf legt, dass nach wie vor alle Instrumente in Kanada oder den USA gebaut werden.
Um einen Einblick in die ökonomische Größenordnung zu bekommen: Wie sind denn die Kennzahlen des Godin-Konzerns?
Robert Godin: Wir sind seit 38 Jahren im Geschäft und verkaufen unsere Gitarren mittlerweile in 65 Ländern. Wir produzieren in hohen Stückzahlen, die Gesamtproduktion aller zu Godin zählenden Instrumente liegt bei über 200.000 Stück pro Jahr.
Wie hoch ist der akustische Anteil?
Etwa die Hälfte. Wir arbeiten mit sechs Fabriken, fünf davon in Kanada, eine in den USA, und bauen über 100.000 akustische Gitarren jährlich.
Warum hat Godin nicht wie viele andere große Hersteller den Fertigungsprozess nach Asien verlegt, wo die Arbeitskosten wesentlich geringer sind?
Zum einen kommen unsere Hölzer aus unserem eigenen Land. Es würde keinen Sinn machen, sie auszuführen und woanders bearbeiten zu lassen. Und Asien ist eine ganz spezielle Sache, dort baut man Gitarren auf andere Art als wir. Unsere Philosophie ist anders: wir beginnen mit dem Holz, direkt am Baum. Wir kümmern uns selbst um die Trocknung. Als einheimischer Hersteller haben wir privilegierten Zugriff auf kanadische Hölzer – die müssen dann aber auch in Kanada verarbeitet werden.
Wie ist Ihr persönlicher Hintergrund, wie ist Robert Godin zum Gitarrenbauer geworden?
Ich hatte im Jahr 1965 in Montreal einen Gitarren-Custom-Shop und fing aus Interesse irgendwann an, selbst zu bauen. Ein paar Jahre später kaufte ich eine Firma, die Fenster herstellte, samt ihrem Holzlager, und baute das Unternehmen um für die Gitarrenproduktion. Mit einem Partner habe ich mit Akustikgitarren begonnen unter dem Label ‚Norman‘. Dann wurde ich Sub-Unternehmer, baute Gitarren für praktisch jeden: Martin, Fender, Gibson, Schecter, Kramer. Damals hatte ich einfach nicht das Kapital, um eigene Gitarren zu vermarkten. Aber ich habe Norman behalten, später starteten wir das Label Seagull. Heute machen wir nichts mehr für Fremdunternehmer, mit Ausnahme von Stewart MacDonald, einem Teilehersteller, für den wir Hälse fertigen (www.stewmac.com, Anm. d. Red.). Aktuell produzieren wir unter insgesamt sieben Brands.
Können Sie uns die Trademarks der akustischen Marken unter dem Dach von Godin erklären?
Seagull ist eine Art postmoderne Gitarre: andere Formgebung, modernes Design, breiter Hals – es ist eine ‚Advanced-Guitar‘, die speziell für Fingerstyle sehr gut geeignet ist. Simon & Patrick ist nach meinen beiden Söhnen benannt, die inzwischen die Geschäfte übernommen haben. Das ist eine traditionelle Marke mit Dreadnoughts und anderen bekannten Bauformen. Leute, die Seagull nicht mögen, lieben Simon & Patrick. Wo Seagull speziell ist, kommen einem Kunden die Features von Simon & Patrick vertraut vor; viele Händler führen beide Marken parallel. Art & Lutherie ist für Einsteiger gedacht. Wenn wir Bäume kaufen, haben wir natürlicherweise alle Qualitätsabstufungen an Holz vor Ort. Und die Hölzer, die kleine optische Unsauberkeiten aufweisen, aber im Grunde die gleiche hochwertige Tonholzqualität besitzen, fließen in die Art & Lutherie Instrumente, daher besitzen diese meist ein farbiges Finish. Qualität zu einem attraktiven Preis – das streben wir bei dieser Marke an. Inzwischen hat A&L eine eigene Factory.
Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur akustischen Gitarre?
Ich bin ein echter Gitarren-Fan. Ich spiele auch selbst, allerdings nicht besonders gut. Aber mein Rhythmus ist ganz beachtlich. Ich liebe Spieler wie Peppino D’Agostino oder John McLaughlin. Und ich bin immer daran interessiert, die Fertigung zu optimieren. Da meine Söhne das Alltagsgeschäft übernommen haben, kann ich mich auf das Research konzentrieren. Wir werden einige sehr interessante neuartige Fertigungsdetails starten, die auch für den Klang entscheidend sind. Unserer Meinung nach ist die Klassifizierung von Tonhölzern nicht korrekt.
Was genau meinen Sie damit?
Momentan findet die offizielle Klassifizierung hauptsächlich über die Optik statt. Unserer Meinung nach ist aber klangentscheidend die Steifigkeit. Nimm die Engelmann-Fichte: sie kann hervorragend aussehen, aber für uns ist sie zu weich, nicht steif und damit nicht kraftvoll genug. Wir haben eine Maschine entwickelt, mit der wir den klangentscheidenden Parameter exakt messen können, zusammengefasst als eine einzige Zahl, die nach der Messung auf dem Deckenstück vermerkt wird. Unser System umfasst Werte zwischen 0 und 1.000. Eine durchschnittliche Decke liegt zwischen 300 und 450. Etwa 10 Prozent der Decken liegen darunter, nur etwa 5 Prozent der Deckenhölzer liegen bei Werten über 600. Die klingen hervorragend, mit reichen Obertönen und hoher Strahlkraft. Über eine dünnere Ausarbeitung kann man eine Decke noch feinstimmen, aber über einen Zahlenwert die klangliche Stärke vorab zu bestimmen, hat uns enorm geholfen. Diese Decken landen in unseren hochwertigen Instrumenten. Es könnte sein, dass andere Hersteller sich ebenfalls für dieses System interessieren. Es macht den akustischen Gitarrenbau berechenbarer.
Haben Sie ein bevorzugtes Holz für die Decke?
Ich mag Zeder sehr gern. Wir haben zum Glück Zugriff auf hochwertige Zedernhölzer. Versteh mich nicht falsch – ich mag auch Fichte, Sitkafichte ist ein sehr gutes Deckenholz; Engelmannfichte eher nicht. Die verschiedenen Fichtenarten unterscheiden sich manchmal markant. Alles geht auf die Steifigkeit zurück. Ein erfahrener Gitarrist wird ein Instrument bevorzugen, das ihm mehr Obertöne zur Verfügung stellt. Ein Einsteiger mag vielleicht eher ein Instrument mit mehr Bässen, weil es ihm das Gefühl eines besseren Fundaments gibt. Dafür ist eine Decke mit kleineren Messwerten besser.
Was wäre aus Ihrer Sicht die baulichen Details der perfekten Fingerstyle-Gitarre?
Ich würde, um einen gleichmäßigen Sound zu erhalten, eine etwas kleinere Bauform nehmen. Für Fingerstyle würde ich Zeder bevorzugen. Größere Gitarren wie Dreadnoughts sind eher geeignet für Song-Begleitung.
Lassen Sie uns über spezielle kanadische Tonhölzer reden.
Da fällt mir etwa die Adirondack-Fichte ein, die natürlich nicht ausschließlich in Kanada vorkommt. Das Besondere daran: man kann meist nur die ersten Meter eines Stammes benutzen, dann wird er zu schlank. Dieser Baum legt im Winter eine Wachstumspause ein. An der Westküste Kanadas wachsen die Nadelbäume das ganze Jahr über. Adirondack-Fichte mag ich sehr, sie hat einen starken Ton wegen der hohen Steifigkeit. Wir benutzen sie auch für unsere Bracings: das Holz ist leicht bei hoher Stabilität. Wir haben übrigens seit drei Jahren unser Finish geändert. Wir benutzen jetzt eine Behandlung auf Nitro-Basis, die härter und stabiler ist als ein gewöhnliches Nitro-Finish; daher können wir dünner auftragen.
Wie hoch ist der Anteil an Handarbeit bei Godin?
Mehr als man denkt. Es gibt Prozesse, die wirklich High-Tech sind. Wir haben Maschinen, die manche Arbeitsgänge wesentlich präziser und besser machen als das je von Hand möglich wäre. Und doch haben wir 650 Mitarbeiter in unseren Fabriken. Unsere Gitarren sind Handarbeit, unterstützt bei bestimmten und dafür passenden Arbeiten von modernen Maschinen. Wir haben eine interne Schule, so dass alle Arbeiter ständig weitergebildet werden. 80 Prozent der Mitarbeiter bei der Akustikgitarrenfertigung sind Frauen; sie haben einen besonderen Blick für die Details. Eine Gitarre in unserer Art der Fabrikation durchläuft einen Prozess von etwa sieben Wochen – manche Fabriken in Asien fertigen ein Instrument in sechs Stunden.
Viele Hersteller haben eine Phase, in der sie Vintage-Gitarren kopieren.
Wir greifen ein wenig Vintage-Flair bei Simon & Patrick auf. Kopieren ist aber grundsätzlich nicht unser Thema.
Wie würden Sie das Klang-Trademark der bei Godin gefertigten Acoustics beschreiben, auch in Abgrenzung zu anderen nordamerikanischen Herstellern?
Jede Marke hat ihren eigenen Sound. Seagull etwa ist hervorragend geeignet, um in Open-Tunings zu spielen. Jede unserer Serien hat eine bestimmte Zielgruppe. Gibson finde ich bei Acoustics recht limitiert. Taylor hat die Entwicklung sehr vorangebracht, Martin wiederum bezieht sich stark auf die eigene Tradition.
Mit dem Namen Godin werden oft die Solidbody-Acoustics wie Acousticaster oder Multiac assoziiert.
Wir hatten enormen Erfolg mit diesen Instrumenten, die alle mit akustischen Kammern im Korpus ausgestattet sind. Wichtig ist daneben auch der Kanal, der den Fluss der Luft gewährleistet und das Schallloch ersetzt. Alle Parameter sind genau berechnet und getestet, um eine Gitarre zu ermöglichen, die man auch in lauter Band-Umgebung spielen kann. Neuerdings haben wir auch Mikrofonmodelle integriert, die man mit der Onboard-Elektronik auf den Pickup-Sound aufrechnen kann. Die Multiac hat einen sehr aufwändigen Fertigungsprozess, der auf einem Mahagoniblock basiert, der über ein Jahr im Ofen getrocknet wird. Auch die Ausfräsungen sind genau berechnet und werden computergesteuert ausgeführt. Schon bei der Acousticaster gab es unter der Saitenaufhängung eine Leiste mit Metallzungen, die durch angeregte Schwingungen die Klangtiefe unterstützen. Heute benutzen wir 18 speziell gestimmte Klangzungen.
Sie haben erzählt, dass das Alltagsgeschäft von Ihren Söhnen erledigt wird. Was genau ist Ihre momentane Funktion?
Ich kümmere mich um Forschung und Entwicklung, mache Clinics auf der ganzen Welt und unterrichte.
Vielen Dank für das Gespräch.
ONLINE-INFO: www.godinguitars.com







